Rezensionen zu ‚Träume von Flüssen und Meeren‘

Auf den Kopf gestellt

Der Hals über Kopf angereiste vermeintliche Biograf behauptet schlüssig, Albert James habe „gefunden, dass es wichtig war, am Punkt der größten Reibung zwischen Tradition und Moderne zu sein, an der Verschmelzungslinie, wie er es nannte, oder dem Zusammenfluss: und das hieß Indien.“ Selten wird Indien in dieser Eigenart von europäischen Autoren wahrgenommen. Ulatbamsi heißt in der klassischen indischen Dichtung eine bahnbrechende literarische Strategie: wortwörtlich bedeutet dies „auf den Kopf gestellt“. Es ist der Versuch einer Wahrnehmungszertrümmerung, aus der Überzeugung heraus, das Offensichtliche und Sichtbare, das Logische und Allgemeingültige verdecke die Wahrheit und führe in die Irre. Albert James wirkt wie ein zeitgenössischer Denker des Ulatbamsi, ein Provokateur, der jeglicher Kategorisierung und Systematisierung misstraut. Sein Lebensweg endet folgerichtig in dem Land mit der am höchsten entwickelten Zivilisation der fortströmenden Synthesen. Allerdings erfahren wir wenig über dessen Einsichten in indische Sinngebungen, denn Albert James erweist sich als die faszinierend dominante Leerstelle in diesem intelligent konstruierten Ideen- und Konversationsroman. Da wir ihn stets mit den Augen der Hinterbliebenen erblicken, dominiert deren eher irritierte oder ergebene Perspektive auf Indien. Auch gewährt uns Parks nur flüchtige Einblicke in Albert James‘ wucherndes Denken, gefiltert durch das Unverständnis seines verwirrten Sohnes, der Bewunderung seiner in sich gekehrten Witwe und der Verwirrtheit seines Biografen.
Der Mensch selbst bleibt ein Geheimnis – es werden, treu den einheimischen Gebräuchen, unzählige bunte Schleier ausgebreitet und übereinandergelegt, doch sie sind alle gewoben aus dem begrenzten Verständnis jener, die dem Verstorbenen auf seinen radikalen Denkreisen nur teilweise oder gar nicht folgen konnten. So entsteht nebenher auch eine Meditation über das Fortleben, über die Art, wie ein beeindruckender Mensch seine Hinterbliebenen nicht loslässt, nicht nur indem er sie gelegentlich von jenseits des Grabes aus anspricht. Parks gelingen weise Sätze über das Sterben, den Tod, das Zurückbleiben, die Einsamkeit, etwa wenn seine Witwe Helen mit der Urne in der Hand am Ufer des Yamuna-Flusses steht, um seine Asche hineinzuschütten: „Der Deckel ging nicht auf. Sie versuchte es noch einmal; diesmal schob sie die Fingernägel unter den Rand- Wie blöd. Sie hebelte. Der Deckel rührte sich nicht Und sie musste an Drei Mann in einem Boot und die Dose Ananas denken. „Albert!“ rief sie. Oder vielleicht waren es auch Pfirsiche gewesen. Albert hatte Drei Mann in einem Boot toll gefunden. Oder Aprikosen. Alice im Wunderland hatte er auch toll gefunden. ,Albert, hilf mir, dich herauszuholen!'“ Abgesehen von der etwas burschikosen deutschen Fassung von Ulrike Becker merkt man dieser Szene eine bemerkenswerte Intimität zwischen Autor und Figur an, eine wache Nähe, die immer wieder subtile Beschreibungen der Seelenlandschaften ermöglicht.
Parks ist ein unaufdringlicher Autor, der niemals überinstrumentalisiert, sondern stattdessen auf genaues Handwerk achtet, und sein feiner englischer Humor bricht hin und wieder durch. Eine melancholische Note durchzieht das Buch, geschuldet nicht nur dem Scheitern dieses bewunderungswürdig eigenwilligen Menschen, dem im Endeffekt doch keiner folgt, sondern auch einem Mangel an wahrer Liebe unter den Überlebenden, die sich zwar sexuell austoben, aber in ihrer existentiellen Einsamkeit unberührt bleiben. Die einzige wirkliche Liebesbeziehung war jene zwischen Helen und Albert James-, und gerade diese Erkenntnis führt zu dem tragischen Ende.

Die Frau als Verführerin

Tim Parks zeichnet ein genaues, wenn auch recht vorhersehbares Bild von Indien. Aber er vermeidet Abziehbilder und Effekthascherei. Nur bei den amourösen Verwicklungen fällt er in eines der ältesten orientalischen Klischees: die Frau als Verführerin. Wer die Zurückhaltung der indischen Frauen kennt, wird sich angesichts der flirtwilligen und sexgierigen Inderinnen in diesem Roman doch ein wenig die Augen reiben. Dass sich in dieser Geschichte fast jeder von jedem angezogen fühlt und der Autor uns glaubhaft machen will, dass gerade Inder und Engländer außergewöhnlich promiskuitiv handeln. Die Witwe hat mit einem Freund der Familie geschlafen, einem konservativen Sikh, dessen Tochter ein Verhältnis mit ihrem verstorbenen Ehemann hatte (deren E-Mail Korrespondenz wird abgedruckt), die nun den Sohn verführt, der zuletzt bei einer Schüllerin seines Vaters im Bett lag, was jedoch aufgrund der greifbaren Gegenwart ihres deutschen Freundes Hermann
abrupt beendet wurde; die Witwe vertieft sich m eine Affäre mit dem Biografen, der auch von der Freundin des Sohnes Avancen bekommt, die zuvor einem japanischen Regisseur verfallen war, was wiederum den Sohn zur Eifersucht trieb … und so weiter und sofort. Bei einem derart überlegten Autor wie Parks sind solche Verwicklungen gewiss keine Ausrutscher, doch trotzdem reißt ein derartig dichtgeknüpftes Libidonetz Löcher in die Glaubwürdigkeit.

Ein Lesegenuss

Alle Figuren wirken wie Probanden in einer Versuchsanordnung. Auch das ist bestimmt kein Zufall. Parks deutet einige Male an, dass Albert James alle menschlichen Erfahrungen als Resultat von Versuchsanordnungen betrachtete. Und der von ihm hoch geschätzte Bateson habe die These entwickelt, dass innerhalb einer Gesellschaft alles sehr eng miteinander zusammenhängt. Nun, vielleicht soll die sexuelle Verknüpfung dies illustrieren?
Auch offenbart Träume von Flüssen und Meeren bestimmte Grenzen des klassischen realistischen Romans. Die auktoriale Energie wird so sehr darauf verwendet, eine bestimmte Welt zu konstruieren, dass wenig Energie übrig bleibt, diese aus den Angeln zu heben. Albert James war ein außergewöhnlicher Mann, der die Schattenseite herrschender Ansichten durchwanderte, die Form des Romans verbleibt aber im Althergebrachten und referiert daher nur seine freidenkerischen Ausschweifungen. Tim Parks hat einen beachtlichen Scheiterhaufen aus den Planken einer modrig gewordenen Konventionalität errichtet, doch leider hat er es versäumt, diesen zu entzünden. Es ist schade, dass er sich nicht getraut hat, der radikalen Entwicklung seiner Hauptfigur sprachlich zu folgen. ,„Man stellt‘, hatte Albert in einem der Vorträge (…) geschrieben, ,die geistige Prozesse der visuellen Wahrnehmung, mit deren Hilfe wir ständig die Welt um uns herum konstruieren, nicht infrage, obwohl Experimente gezeigt haben, wie fehlbar diese Prozesse sein können. Man stellt die nicht infrage, weil eine solche Infragestellung das Chaos bedeuten würde.“ Vielleicht hat Parks befürchtet, den Leser in einem solchen Chaos zu verlieren. So ist eine vergnügliche und bequeme Kutschfahrt herausgekommen, die in einem Gegensatz zu der Radikalitat jener Stellen steht, in denen die Fragwürdigkeit unserer Lebens- und Wirtschaftsweise grundsätzlich zur Sprache kommt („Die stärkste Komplizenschaft ist die des gemeinsamen Leugnens“). Und doch fallen diese Schwächen nicht so sehr ins Gewicht bei einem Buch, das sich den dringenden Themen unserer Gegenwart widmet, ein Lesegewinn in Zeiten, in denen viele Autoren auf die gewaltigen Umbrüche wie Straußenvögel reagieren.

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